Positionierung und Wirkung

Mehr Kanäle lösen kein Positionierungsproblem

Zusätzliche Plattformen, Formate und Kampagnen vergrößern die Reichweite einer Aussage. Sie machen die Aussage selbst weder klarer noch relevanter.

Gezeichnete Wege, die durch klare Positionierung auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet werden

Reichweite macht eine unklare Aussage nicht relevanter

Positionierung entsteht durch strategische Auswahl: für wen eine Leistung in welcher Situation relevant ist, gegenüber welchen Alternativen sie eingeordnet wird und welcher belegbare Unterschied die Entscheidung trägt.

Kanäle verteilen diese Bedeutung. Ist sie ungeklärt, verteilen sie vor allem unterschiedliche Beschreibungen, wechselnde Schwerpunkte und generische Leistungsversprechen.

Ausgangslage

Im Jahr 2021 hatten viele Unternehmen ihre digitale Kommunikation in kurzer Zeit ausgeweitet. Neben der Website wurden Newsletter, soziale Netzwerke, Webinare, digitale Präsentationen und neue Kampagnenformate wichtiger. Die naheliegende Erwartung lautete: Wer an mehr Stellen sichtbar ist, wird klarer wahrgenommen und häufiger berücksichtigt.

In der Praxis trat häufig das Gegenteil ein. Die Website beschrieb das Unternehmen als umfassenden Partner. Ein sozialer Kanal stellte einzelne Leistungen in den Vordergrund. Vertriebsunterlagen betonten Erfahrung. Kampagnen arbeiteten mit kurzfristigen Problemen. Auf einer weiteren Unterseite wurde Innovation zum Hauptargument.

Jede Aussage konnte für sich plausibel sein. Zusammen ergaben sie jedoch kein eindeutiges Bild. Interessenten sahen mehr Inhalte, aber nicht zwingend klarer, wofür das Unternehmen im relevanten Vergleich stehen sollte.

Das Problem lag nicht an einem fehlenden Kanal. Es lag an einer ungeklärten Auswahl vor der Kommunikation.

Was hinter dem Problem liegt

Kanäle werden mit Strategie verwechselt

Ein Kanal beantwortet, wo und in welchem Format eine Aussage erscheint. Positionierung beantwortet, welche Bedeutung ein Unternehmen für eine bestimmte Zielgruppe und Entscheidungssituation einnehmen soll.

Diese Ebenen werden leicht vermischt. Eine neue LinkedIn-Präsenz, ein Newsletter oder ein Webinarprogramm wirkt wie strategischer Fortschritt, weil etwas sichtbar entsteht. Die schwierigeren Entscheidungen bleiben dabei oft offen:

  • Welche Kunden- und Problemsituation soll im Mittelpunkt stehen?
  • Gegen welche realen Alternativen wird das Angebot verglichen?
  • Welche Eigenschaft ist für diese Entscheidung tatsächlich relevant?
  • Wodurch lässt sich diese Eigenschaft belegen?
  • Welche Leistungen oder Zielgruppen werden bewusst nicht zum Schwerpunkt gemacht?

Ohne diese Auswahl entsteht Aktivität, aber keine belastbare Position.

Unternehmen beschreiben sich aus der Innensicht

Viele Leistungsbeschreibungen folgen der eigenen Organisation. Sie nennen Abteilungen, Kompetenzen, Technologien oder Produktgruppen. Entscheider ordnen Angebote jedoch aus ihrer Situation heraus ein. Sie vergleichen nicht die interne Vollständigkeit eines Anbieters, sondern die Eignung für ein konkretes Problem.

Eine Positionierung übersetzt deshalb nicht einfach das gesamte Unternehmen in Kommunikation. Sie wählt den relevanten Ausschnitt und setzt ihn in einen verständlichen Vergleichsrahmen.

April Dunfords Positionierungsansatz aus dem Jahr 2019 stellt genau diesen Kontext in den Mittelpunkt: Alternativen, besondere Eigenschaften, daraus entstehender Wert, geeignete Zielkunden und die passende Marktkategorie müssen zusammenpassen. Die praktische Konsequenz ist nüchtern. Eine Leistung kann gut sein und trotzdem falsch oder zu allgemein eingeordnet werden.

Mehr Inhalte erzeugen mehr Varianten

Wenn die strategische Grundlage fehlt, entwickeln Kanäle eigene Erzählungen. Ein externer Dienstleister formuliert anders als das Vertriebsteam. Fachabteilungen setzen andere Prioritäten als die Geschäftsführung. Kampagnen reagieren auf kurzfristige Suchbegriffe, während die Website an älteren Botschaften festhält.

Die Zahl der Varianten wächst schneller als die Klarheit. Der Aufwand für Abstimmung steigt. Gleichzeitig wird es schwieriger, aus Reaktionen zu lernen, weil unklar bleibt, welche Aussage tatsächlich getestet wurde.

Allgemeine Qualitätsversprechen unterscheiden nicht

Begriffe wie Qualität, Zuverlässigkeit, Innovation, Kundennähe oder maßgeschneiderte Lösung sind nicht grundsätzlich falsch. Sie werden aber erst wirksam, wenn sie konkretisiert und belegt werden.

Ein Entscheider kann ein allgemeines Qualitätsversprechen kaum gegen andere Anbieter abwägen. Er benötigt einen nachvollziehbaren Zusammenhang: Welche Form von Qualität ist in seiner Situation entscheidend? Woran wird sie sichtbar? Welche Alternative wird dadurch weniger geeignet?

Positionierung verlangt deshalb nicht zwingend eine spektakuläre Einzigartigkeit. Sie verlangt eine relevante und glaubwürdige Unterscheidung.

Strategische Einordnung

Positionierung ist eine Entscheidung über Bedeutung

Kevin Lane Keller beschreibt Markenpositionierung als Teil des strategischen Markenmanagements. Im Kern geht es um relevante, vorteilhafte und unterscheidbare Assoziationen im Gedächtnis der Zielgruppe. Diese Assoziationen entstehen nicht durch eine einzelne Formulierung. Sie werden durch wiederholte, konsistente Erfahrungen und Kommunikation aufgebaut.

Für Unternehmen bedeutet das: Positionierung ist kein Projekt der Textabteilung. Sie verbindet Marktentscheidung, Leistungslogik, Vertrieb, Kommunikation und Belegführung.

Eine tragfähige Positionierung beantwortet fünf Fragen:

  1. Für wen? Welche Zielgruppe besitzt die passende Ausgangslage und Entscheidungsmacht?
  2. In welcher Situation? Welches Problem, Ziel oder Ereignis macht die Leistung relevant?
  3. Im Vergleich wozu? Welche Alternativen berücksichtigt der Entscheider tatsächlich?
  4. Warum diese Lösung? Welcher Unterschied ist für diese Situation bedeutsam?
  5. Wodurch glaubwürdig? Welche Erfahrung, Methode, Struktur oder Quelle stützt die Aussage?

Erst danach lässt sich sinnvoll entscheiden, welcher Kanal welche Aufgabe übernimmt.

Reichweite verstärkt, was bereits vorhanden ist

Ein klar positioniertes Unternehmen kann verschiedene Kanäle unterschiedlich nutzen, ohne seine Bedeutung zu zerlegen. Die Website erklärt den Zusammenhang. Fachbeiträge vertiefen einzelne Fragen. Vertriebsunterlagen übersetzen die Position in konkrete Entscheidungskriterien. Ein Webinar zeigt die Arbeitsweise. Die Formate unterscheiden sich, aber sie zahlen auf dieselbe Einordnung ein.

Bei unklarer Positionierung wirkt Reichweite wie ein Verstärker ohne sauberes Signal. Mehr Menschen sehen mehr Varianten. Das Unternehmen wird vielleicht bekannter, aber nicht zwingend besser verstanden.

Vertrauen benötigt Konsistenz

Der Edelman Trust Barometer Special Report von 2021 machte Vertrauen als wesentlichen Bestandteil der Markenbeziehung sichtbar. Für die strategische Kommunikation folgt daraus keine einfache Formel. Es zeigt jedoch, dass die Wirkung einer Marke nicht allein an Bekanntheit hängt.

Vertrauen entsteht leichter, wenn Aussagen, Verhalten und Erfahrungen zusammenpassen. Eine widersprüchliche Positionierung erschwert diese Erwartungsbildung. Wer auf jedem Kanal einen anderen Schwerpunkt verspricht, zwingt den Interessenten zur eigenen Rekonstruktion.

Perspektive aus der Praxis

Ein Positionierungsproblem wird häufig erst sichtbar, wenn eine Website überarbeitet oder eine neue Kampagne geplant wird. Dann liegen mehrere Textfassungen, Angebotsbeschreibungen und Zielgruppendefinitionen nebeneinander. Jede Abteilung kann begründen, warum ihr Schwerpunkt wichtig ist.

Die entscheidende Arbeit besteht nicht darin, alle Aussagen in einen längeren Text zu integrieren. Sie besteht darin, eine Reihenfolge zu verantworten.

In der Praxis hilft eine einfache Trennung:

  • Was ist im Unternehmen wahr?
  • Was davon ist für die ausgewählte Zielgruppe relevant?
  • Was unterscheidet die Leistung im realen Vergleich?
  • Was lässt sich nachvollziehbar belegen?
  • Welche Aussage muss an jedem Kontaktpunkt stabil bleiben?

Damit wird Positionierung nicht kleiner, sondern präziser. Das Unternehmen kann weiterhin mehrere Leistungen anbieten. Es versucht nur nicht mehr, alle gleichzeitig zur Hauptbotschaft zu machen.

Die Positionierungs- und Wirkungskette

Die Kette macht eine wichtige Abhängigkeit sichtbar. Ein Kanal ist nicht der Anfang der Wirkung. Er ist ein Übergabepunkt. Vor ihm müssen Bedeutung und Beleg geklärt sein. Nach ihm entscheidet die Wahrnehmung des Adressaten, ob Orientierung und Vertrauen entstehen.

Positionierung vor Kanälen: Erst Identität, Zielgruppe und Unterschied klären, dann Website, SEO, Social Media, E-Mail und Anzeigen einsetzen
Positionierung gibt die Richtung vor. Kanäle verteilen und verstärken die geklärte Botschaft.

Handlungsrahmen

1. Den realen Vergleichsraum klären

Unternehmen sollten nicht nur Wettbewerber auflisten. Entscheidend sind alle Alternativen, zwischen denen ein Kunde tatsächlich wählen kann. Dazu gehören interne Lösungen, bestehende Dienstleister, Standardsoftware, Aufschub oder der Verzicht auf eine Maßnahme.

2. Relevante Unterschiede auswählen

Nicht jedes besondere Merkmal ist entscheidungsrelevant. Ein Unterschied sollte ein konkretes Problem besser lösen, ein Risiko senken, eine Entscheidung vereinfachen oder einen wirtschaftlichen Beitrag nachvollziehbar machen.

3. Belege vor Formulierungen sammeln

Erfahrung, Prozesse, Spezialisierung, Daten, technische Fähigkeiten oder nachweisbare Anwendungen geben der Position Substanz. Fehlt ein Beleg, sollte die Aussage vorsichtiger formuliert oder nicht zum Hauptargument gemacht werden.

4. Eine stabile Kernaussage definieren

Die Kernaussage muss nicht auf jedem Kanal wortgleich erscheinen. Ihre Bedeutung darf sich aber nicht verändern. Zielgruppe, Problemkontext, Unterschied und Nutzen müssen erkennbar zusammenbleiben.

5. Kanälen klare Aufgaben geben

Erst nach der Positionierungsentscheidung wird festgelegt, welche Funktion Website, Fachbeiträge, Newsletter, Veranstaltungen oder soziale Netzwerke übernehmen. Ein Kanal erklärt, ein anderer vertieft, ein dritter aktiviert. Keiner erfindet eine eigene Position.

Was Unternehmen nicht tun sollten

Unternehmen sollten ein Positionierungsproblem nicht mit höherer Veröffentlichungsfrequenz beantworten. Mehr Beiträge, Anzeigen oder Plattformen erhöhen den Koordinationsaufwand, wenn die zentrale Aussage ungeklärt bleibt.

Ebenso wenig hilft ein neuer Slogan, wenn Zielgruppe, Vergleichsrahmen und Belege unverändert unscharf sind. Sprachliche Prägnanz kann eine strategische Entscheidung sichtbar machen. Sie kann sie nicht ersetzen.

Problematisch ist auch die vollständige Anpassung an jeden Kanal. Eine B2B-Marke muss auf LinkedIn nicht zu einer anderen Organisation werden als auf ihrer Website. Form und Tiefe dürfen variieren. Die zugrunde liegende Bedeutung muss erkennbar bleiben.

Konsequenz für Unternehmen

Vor dem Ausbau digitaler Reichweite sollte geklärt werden, welches Signal überhaupt verstärkt werden soll.

Eine belastbare Positionierung reduziert nicht die Vielfalt eines Unternehmens. Sie schafft eine verständliche Reihenfolge. Dadurch werden Website, Vertrieb, Inhalte und Kampagnen anschlussfähig. Entscheidungen über Kanäle lassen sich dann aus ihrer Aufgabe ableiten, statt aus allgemeinem Sichtbarkeitsdruck.

Der verwandte Beitrag „Mehr digitale Maßnahmen schaffen noch keine digitale Strategie“ überträgt dieselbe Grundlogik auf das digitale Gesamtsystem. Die Zahl der Maßnahmen ist weder bei Strategie noch bei Positionierung ein verlässlicher Reifegrad.

Fachlicher Anschluss

Positionierung vor Kommunikationsausbau klären

Eine Positionierungsstrategie prüft Zielgruppe, Entscheidungssituation, Vergleichsalternativen, relevante Unterschiede, Belege und die anschließende Übersetzung in Website, Inhalte und Vertrieb. Sie schafft die Grundlage, bevor zusätzliche Kanäle oder Kampagnen entwickelt werden.

Quellen und fachliche Grundlagen (3)
  1. April Dunford, Obviously Awesome: How to Nail Product Positioning so Customers Get It, Buy It, Love It, Ambient Press, 2019. Quelle öffnen
  2. Kevin Lane Keller und Vanitha Swaminathan, Strategic Brand Management: Building, Measuring, and Managing Brand Equity, 5. Auflage, Pearson, 2020. Quelle öffnen
  3. Edelman, 2021 Trust Barometer Special Report: Trust, The New Brand Equity, 2021. Quelle öffnen
Göke Frerichs, Digitalstratege und Smart Digital Creative
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Über Göke Frerichs

Göke Frerichs verbindet seit 1999 digitale Strategie, Kommunikation, Technologie und Umsetzung. Als Digitalstratege und Smart Digital Creative unterstützt er inhabergeführte B2B-Unternehmen dabei, aus einzelnen Maßnahmen klare und belastbare digitale Systeme zu entwickeln. Seine Perspektive beruht auf langjähriger Beratungs- und Umsetzungspraxis in DACH und Nordamerika.

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